Der Symbiont

Was wäre wenn ein Mensch und eine Pflanze eine symbiontische Verbindungen eingehen würden?

Der Symbiont

 

Was wäre wenn ein Mensch und eine Pflanze eine symbiontische Verbindungen eingehen würden?

 

I.

 

David liebte seine Pflanzen. Jede einzelne von ihnen lag ihm am Herzen. Er fühlte mit ihnen, wenn sie litten und ebenso erblühte er, wenn sie es taten.
Sie waren seine Freunde, ja, sie waren sogar seine Familie.

Still widmete er sich jeder von ihnen jedem Tag. Und seine Zuwendung ging weit über das bloße Gießen und Düngen hinaus. Jede Pflanze bekam genau das, was sie benötigte.

Es galt, mit einem weichen Tuch, viele Blätter staubfrei zu halten. Triebe mussten gebunden, gestützt und geführt werden. Gelegentlich musste David auch den einen oder anderen Trieb kappen, was er nicht gerne tat, denn es schmerzte ihn fast körperlich. Dennoch, manchmal war er gezwungen es zu tun.

So zum Beispiel bei den beiden alten Bonsaibäumen, die erhaben und weise auf dem breiten Fensterbrett seines Wohnzimmerfensters standen. David sah die Form, erkannte das Gesamte. Mehr als die Miniaturbäume es je selbst könnten. Und so war er gezwungen, den beiden Bäumen regelmäßig Unterstützung zu geben, damit sie diesem Ziel entgegenwachsen konnten.
David erkannte das die Zeit gekommen war, wenn einer der Bonsai begann größere Blätter auszubilden. Entdeckte David dies, bei einem seiner täglichen Rundgänge, dann ging er, erfüllt von tiefem Pflichtbewusstsein und einem fast religiös-zeremoniellen Gefühl zu dem großen, alten Eichenschrank, der dunkel und massiv in der Eingangsdiele seines Hauses stand. Er entnahm vorsichtig das gerollte Lederetui in dem er seine speziellen Bonsai-Werkzeuge aufbewahrte und trug diese feierlich in sein großes, helles Wohnzimmer.
Nachdem er sorgfältig eine dunkelgrüne Plane auf dem alten Fischgrätparkett ausgebreitet hatte, legte er das Etui darauf und stellte den Bonsai, der seiner Zuwendung bedurfte, daneben, in die Mitte der Plane.
Dann kniet sich David vor den Baum auf die Plane und betrachtete den Bonsai lange schweigend.
Denn es dauert eine ganze Zeit, bis man eine Antwort von einer Pflanze erhält. Und so kam es nicht selten vor, dass David mehre Stunden in tonloser Kommunikation mit der Pflanze verbrachte, bis alles besprochen war und er sein Lederetui entrollte.

 

Immer noch kniend, obwohl seine Kniegelenke dann meist schon wie Feuer brannten und er seine Füße nicht mehr spüren konnte, entnahm David die Werkzeuge, die er benötigte und legte sie vorsichtig neben sich auf die Plane. Er wusste was nun gleich folgen würde und empfand seinen eigenen Schmerz als einen guten Ausgleich zu dem, den er gleich dem Bonsai zufügen würde. Ast für Ast, Zweig für Zweig. Viele kleine Schnitte im Blattwerk und einige an den Wurzeln. Dann vielleicht noch etwas Draht, um den Wuchs zu optimieren und natürlich die Wundpaste, mit der er größere Verletzungen bestreichen würde.
David arbeitete stets still, schnell und konzentriert. Und er tat es weiterhin kniend.

Nachdem er seine Arbeit beendet hatte, kämpfte sich David mühsam auf seine tauben Beine, nahm den Beschnittenen und stellte ihn wieder auf seinen Platz am Fenster. Seine Werkzeuge säuberte er ordentlich und legte sie, mit einer schützenden Schicht Öl versehen, wieder in den Eichenschrank zurück. Erst wenn das alte Schloss des Schrankes mit einem lauten, metallischen Klacken einrastete, war David wieder bereit zu reden. Allerdings war ohnehin niemand da, mit dem er reden konnte.


Nur seine Liebsten waren da. Aber um mit ihnen zu reden, braucht er seine Stimmbänder nicht.

David war nie ein sehr gesprächiger Mensch gewesen. Er lernte das Sprechen eher spät und widerwillig, was sowohl seinen Vater, als auch seine Mutter besorgte und wohl noch mehr enttäuschte. Meist saß er als Kind alleine und verborgen hinter einem Möbelstück des großen Hauses und beschäftigte sich mit sich selbst und den Dingen, die gerade seine Aufmerksamkeit erregten. Und meist waren dies Pflanzen.
Ihre stumme Teilnahme beruhigte ihn und er liebte das leichte Brizzeln in den Fingerspitzen, wenn er Blätter oder Blüten sanft und vorsichtig berührte. Doch das waren Dinge, die weder Davids Eltern noch die anderen Kinder verstehen und begreifen konnten. Und so galt David schon als kleiner Junge als etwas seltsam. Das sahen die anderen Kinder so und auch Davids Eltern.


Diese ließen es dabei bewenden, was wohl auch daran lag, dass David ansonsten stets tat, was man ihm sagte und sein schmaler Wortschatz keinerlei Widerworte beinhaltete. Nach der Entdeckung, dass sie einem sehr seltsamen Kind das Leben geschenkt hatten, wandten sich beide anderen Hobbies zu und waren sich stillschweigend darüber einig, dass sie keine weiteren, vielleicht ja ebenfalls seltsamen Kinder mehr haben wollten.

So kam es, dass David sehr viel Zeit mit sich alleine verbrachte. Und das war für ihn in keinerlei Hinsicht ein Problem. Im Gegenteil! In seiner Abgeschiedenheit konnte er tun und lassen was er wollte. Und was er wollte war bei seinen Pflanzen sein und mit ihnen reden.

Davids Eltern bemerkten dies sehr wohl und obgleich es ihnen seltsam vorkam, dass ihr Sohn offensichtlich mit Pflanzen sprach, war es ihnen anderseits ganz recht. Der Junge war genügsam und unauffällig und das umso mehr, je mehr Pflanzen sie ihm schenkten. Und dies wiederum brachte sie in die vorteilhafte Lage, dass sie ihrem Kind kaum persönlich Aufmerksamkeit zu schenken brauchten.

Bist David zwölf Jahre alt war, hatten die Beiden immer wieder versucht, den Jungen für allerlei Aktivitäten zu interessieren. Doch ganz gleich welche Aktivität oder Verlockung sie ihm präsentierten, sein Interesse blieb höflich desinteressiert und manchmal sogar ängstlich verstockt. So war es selbst mit dem kleinen Hund, dem ihm sein Vater eines Tages zur Gesellschaft mitbrachte, und der sehr bemüht war, Davids Aufmerksamkeit zu erregen. Gelungen ist es selbst diesem freundlichen kleinen Fellknäuel natürlich nicht, bis auf dieses einzige Mal, von dem seine Eltern aber nicht wussten, und so waren sie regelrecht erleichtert, als der kleine Hund eines Tages anscheinend weglief und sie somit von einer zusätzlichen Verantwortung befreite.

 

Eine weitere Besonderheit in Davids Wesen war, das sich seine Leidenschaft für Pflanzen nur Zimmerpflanzen galt. So wenig Interesse der Junge an Gesprächen oder Freundschaften mit anderen Kindern hatte, so widerwillig verließ er auch das Haus. Und den Pflanzen, die außerhalb ihres Hauses wuchsen, widmete er niemals auch nur im Geringsten sein Interesse.

 

Die Jahre vergingen und jeder der Familie Ballner tat, was er eben tat. Davids Vater widmete sich seiner Arbeit und erwarb so über die Jahre ein recht stattliches Vermögen, das Davids Mutter beständig durch Einkäufe, New Age Seminare und Reisen zu reduzieren versuchte. Und während Davids Vater seine Resignation darüber mit Alkohol und Affären zu mindern versuchte und Davids Mutter dies bei ihren unzähligen Yoga-Selbsterfahrungsreisen mit wohl eben so vielen Affären parierte, kümmerte sich David um seine Pflanzen.


Seine Mutter starb zuerst. Es geschah während der Heimfahrt von einem ihrer Seminare, dass an einem grauen Novemberwochenende in einem Berghotel stattfand. Sie hatte wohl die Kontrolle über ihren Wagen verloren und war einen dicht mit alten Nadelbäumen bestandenen Abhang hinuntergerast, bis eine alte Kiefer ihren Wagen stoppte.
David nahm die Nachricht, die zwei Polizisten ihm und seinem Vater an diesem kalten Sonntagmorgen brachten, schweigend und ohne jede Regung auf. Und auch sein Vater reagierte scheinbar gefasst und äußerlich beherrscht. Trotzdem verging kaum ein Jahr, bis er seiner Frau folgte. „Ein gebrochenes Herz“ attestierten die wenigen Bekannten seiner Eltern. „HIV“ attestiere hingegen der Familienarzt. Wahrscheinlich hatte er sich die Infektion bei einer seiner Seelentrösterinnen eingefangen und, aus Scham darüber entschieden, sein Leben zu beenden.
Und obwohl David seinen Vater im Heizungsraum selbst gefunden hatte und das erst Tage nach dessen Tod, berührte ihn auch dieser Abschied recht wenig.

Im Gegenteil, David genoss die neue und bedingungslose Ruhe, die, nach ein paar Befragungen durch die Polizei und die eilig vollzogenen Beerdigungen, nun in seiner Welt und seinem Haus herrschte. Das Erbe, dass seine Eltern ihm hinterlassen hatten, sicherte ihm durch eine großzügigen monatlichen Auszahlung, sowohl die Kosten für das Haus, als auch die Kosten, für die Anschaffung vieler, neuer Pflanzen, die David per Internet aus der ganzen Welt bestellte.

Das Internet war, neben seinen Pflanzen, die andere Welt, in der sich David inzwischen frei und ungezwungen bewegte. Hier konnte er Wissen finden und aufsaugen. Wissen über Pflanzen, deren Pflege und Besonderheiten und natürlich, er konnte sie über das weltweite Netz auch zu sich holen, ohne, dass er sein Haus jemals verlassen musste.
Durch sein enormes Fachwissen, dass er bereitwillig in Foren teilte, hatte David inzwischen eine wachsende Gruppe Follower, die jeden seiner Hinweise und Erklärungen dankbar verschlangen und die von ihm gezüchteten exotischen Pflanzen begeistert erwarben.

Keine Blattkrankheit, die er nicht anhand eines Fotos identifizieren konnte, keinen gewünschten PH-Wert von Wasser, den er nicht, passend zur jeweiligen Pflanze, auswendig wusste. Und so hatte er, der gewissenhaft alle Fragen, die ihn erreichten, beantwortete, sogar eine Art Gemeinschaft gefunden, deren Teil er war.

So lebte David das Leben, das er sich wünschte. In Ruhe mit seinen Pflanzen, in seinem eigenen Reich, in dem er von niemandem gestört wurde. Bis zu dem Tag an dem diese Holzkiste ankam, auf die David so lange gewartet hatte.

Es war ein trüber Tag, an dem es die Sonnenstrahlen nicht durch die dichte Wolkendecke schafften und jedem Farbton ein Grau beigemischt zu sein schien. David war gerade mit seinem täglichen Rundgang beschäftigt, er hatte die Palmen im Wintergarten neu ausgerichtet, als es an seiner Tür klingelte.
David, den das gesellige Leben seiner Eltern auf diesen verhassten Klingelton konditioniert hatte, zuckte kurz zusammen.
Nein. Diesmal war es kein ungebetener Besuch. David spürte eine Leichtigkeit in sich aufsteigen. Vielleicht Freude? Heute würde sie endlich ankommen. Sie, die eine, auf die er schon seit mehreren Wochen wartet und die aus dem fernen Mindanao, der zweitgrößten und zugleich südlichsten philippinischen Insel, zu ihm gereist ist: Nepenthes truncata, die Verstümmelte.


Eine ganz besondere Kannenpflanze aus der Familie der Kannenpflanzengewächse. Besonders, da vom Aussterben bedroht. Besonders aber vor allem durch eine Tatsache, auf die David in einer seiner Fachzeitschriften gestoßen war.
Der Artikel, der, wie David fand, nicht sehr gut recherchiert war, behandelte Zucht und Pflege von Nepenthaceae, also Kannenpflanzgewächsen. Nichts Neues, bis auf eine kurze Anmerkung im Absatz über die Ernährung, einem, für Liebhaber dieser Art fleischfressenden Pflanze, sehr interessantem Thema.

 

Dort las David mit wachsendem Interesse:

 

[…] Einige Züchter schwören darauf, den nährstoffarmen Boden der offenen Berghänge des Mindanaoschen Hochlandes nachzuahmen und somit die perfekte Nahrungsaufnahme über die Kannen der Pflanze zu gewährleisten. Interessant ist hierbei eine Entdeckung, die im Jahr 2006 ein Mitarbeiter des wundervollen Parc de la Tête dÒr, dem botanischen Garten von Lyon, machte. Durch einen widerlichen Geruch aufmerksam geworden, untersuchte er die Kannen der Nepenthes truncata und fand dort eine halbverdaute Maus. Hiermit war der Nachweis erbracht und wissenschaftlich dokumentiert, dass Kannenpflanzen ab einer bestimmten Größe auch kleine Säugetiere anlocken, fangen und verdauen können. […]

 

Dieser Absatz hatte David elektrisiert. Schien er doch eine Frage zu beantworten, mit der er sich seit einiger Zeit immer wieder beschäftigte. Meist gerade dann, wenn er die hektisch krabbelnd und schwirrenden Fliegen im Terrarium seiner Karnivoren, der fleischfressenden Pflanzen, freiließ.

„Hättet ihr manchmal gerne ein saftiges, frisches Stück Steak?“ Er musste immer grinsen, wenn er ihnen, die im neblig-feuchten Klima des geräumigen Glaskastens standen und ihn aus ihren hunderten offenen Münder anstarrten, diese Frage stellte.
„Würdet ihr gerne mal in einen Schenkel beißen?“

Anfangs hatte er sich noch die Mühe gemacht, ihre Antworten abzuwarten, die bei Kanivoren deutlich schneller kam, als bei so manch anderer Pflanze. Nun ja, abgesehen von der Mimose , die jedoch, aufgrund dessen, dass sie eine sehr hektische und verstörte Pflanze ist, keinen guten Gesprächspartner abgibt.

Die Antworten der drei fleischfressenden Diven bestanden jedenfalls nur aus dem sirenenhaften Singsang, der ihrer Art eigen war und der neben dem betörenden Duft für reichlich Beute sorgte. Das immer gleiche Lied über Saft und Hingabe, das auch ihn, der nicht im geringsten Ähnlichkeiten mit einer Fliege aufwies, jedes Mal aufs neue betörte. Ansonsten waren sie nicht auf seine Frage eingegangen. Und so war sie unbeantwortet im Raum stehengeblieben, um sich ihm immer wieder aufs neue zu stellen. Konnten seine kanivoren Freunde auch ein frisches Stück Fleisch verdauen?

 

Obwohl alle seine Versuche, mit denen er der Antwort auf die Schliche kommen wollte, gescheitert waren. Das Rindfleisch, ganz gleich, wie klein er die Stücke auch geschnitten hatte, war jedes Mal einfach in der Blüte verwest. Auch, wenn sie sich, nachdem er konzentriert eine Fliege nachgeahmt hatte, blitzschnell um ihre vermeintliche Beute geschlossen hatte, war anscheinend keine seiner fleischfressenden Pflanzen willens, das Fleisch eines Säugetiers zu verdauen. Und da sie auch nie hungrig nach seinen Fingern schnappten, schloss er auch das mit der Lust auf Schenkel aus.

Und genau zu dem Zeitpunkt, als aus seinen Bemühungen eine Antwort auf diese Frage zu finden, nur noch ein Running Gag zwischen ihm und seinen drei kanivoren Pflanzen geworden war, (und ja, sie mochten diesen kleinen Witz genauso sehr wie er) stieß er auf eben jenen Artikel und wusste sofort, dass nur diese eine Pflanze in der Lage sein könnte, seine Frage zu beantworten.

 

da sie Eine vom Aussterben bedrohte Schönheit mit bis zu fünfzig Zentimeter langen, Kannen.

Jahrelang hatte sich David dann darum bemüht, genau diese Pflanze zu besitzen.
Es gab unzählige internationalen Nachzuchten auf dem Markt. Es wäre sehr leicht gewesen eine solche zu kaufen und hätte David nicht viel Zeit, Mühe oder Geld gekostet. Aber diese interessieren David nicht im Geringsten. Nein, diese eine, Besondere, der sein Interesse galt, sollte wirklich an den Berghängen im Inselinneren von Mindanaos gewachsen sein. Ein Wildfang.


In den vielen Jahren, in denen David nun mit Pflanzen kommunizierte und diese Fähigkeit immer weiter perfektionierte, war ihm aufgefallen, dass Pflanzen, die weit außerhalb ihres ursprünglichen Lebensraumes gezüchtet worden waren, bei weitem nicht mit jenen zu vergleichen waren, die natürlich gewachsen sind. Und es war hierbei nicht entscheidend, ob die Nachzucht aus einem Samen oder mittels eines Stecklings erfolgte, nein, diese Pflanzen, die nie die Luft ihrer Ursprungsheimat gefiltert hatten, die nie ihre Wurzeln in deren Erde gestreckt hatten oder das Wasser saugten, dass die Entstehung ihrer Art einst ermöglicht hatte, waren alle einseitig und tump.


Sprach David sie an, dann brauchten sie noch viel länger, bis sie eine Antwort für ihn formuliert hatten. Meistens bestand diese Antwort dann ohnehin nur aus endlosen Wiederholungen einzelner Momente und Sinneseindrücke und konnte so kaum als Antwort durchgehen.
Und sie waren in der ihrer Art ihre Ausdrucksmöglichkeiten alle seltsam einfältig und gleichförmig.

Sie sprachen von Erde, Licht und Wasser. Aber tonlos und gleichgültig. Nahmen es hin kampflos versorgt zu werden. Wuchsen, von sich selbst eingenommen, vor sich hin. Waren isoliert in ihren Töpfen und hatten nie erfahren, dass ihre Wurzeln sie auch mit anderen hätten verbinden können.

Ein Wildimport war jedoch etwas ganz anders. Ungezügelt, wild und ungebeugt agierten diese Pflanzen, wenn David sie ansprach. Sie waren nicht gezähmt und kämpften gegen die Entführung, die ihnen widerfahren war. Gerade, wenn es noch nicht lange her war, dass sie ihrer Heimat entrissen wurden. Das Brizzeln und Knistern, dass David in seinen Fingerspitzen spürte, wenn er leicht über ihre Blätter, Triebe und Stängel fuhr, war stärker und drängender. Und im Vergleich zu den lange domestizierten Bonsaibäumen in seinem Wohnzimmer, waren diese Pflanzen noch voller wildem Leben. Sie spürten noch die Verbindungen, die ihre Wurzeln einst geknüpft hatten und sehnten sich nach dem Taumel und Kampf des Überlebens.

David besaß inzwischen eine umfangreiche Sammlung dieser importierten Wildsorten. Und sie waren es auch, die die seine meiste Zeit in Anspruch nahmen. Stundenlang, ein Beobachter hätte es wohl für Meditation gehalten, saß David vor diesen Pflanzen, immer wieder einer anderen seiner Sammlung, und hörte ihren Erzählungen zu. Sie erschufen die Welten, die sie gesehen hatten, voller Leben und tiefer Wahrheiten, zumindest solange sie noch nicht in der trägen Gleichförmigkeit seiner täglichen Pflege übersättigt verstummt waren.

Ganz gleich, wie sehr sich David auch bemühte, die natürlichen Gegebenheiten nachzuahmen (und er hatte wirklich nie Mühen und Aufwand gescheut), es kam der Tag, an dem die Wildheit zu verblassen begann. An diesem einen Tag, der den Beginn des Aufgebens markierte, spürte David kein Flirren mehr um die Pflanze, wenn er sie mit feinem Wassernebel besprühte. Sie nahm es einfach gleichgültig hin. Wie eine immer wiederkehrende Gegebenheit, eine universelle Gleichförmigkeit in ihrem neuen Kosmos.
Und immer wenn David dies wahrnahm, durchzog ihn eine tiefe Traurigkeit und Leere und der fahle Geschmack des unfreiwilligen Abschieds.

Aber diesmal sollte es anders sein. Er hastete die letzten Stufen der Kellertreppe nach oben, um dem immer drängender werdenden Klingeln nachzugeben und die Lieferung, deren Weg er seit heute morgen live online verfolgte, endlich entgegen zu nehmen.

Sie war zu ihm gekommen und er war vorbereitet. Fast glaubte er etwas zu fühlen zu können. Es war wie ein leichtes Hüpfen in der Brust, dass immer wenn es sich wieder nach oben in Richtung seines Halses bewegte, ein warmes Gefühl in seinen Bauch und Unterleib strömen ließ. Oder es einfach war einfach nur sein Blut, dass stoßweise, schnell und aufgeregt durch seine Adern pulsierte.

 

Sie war gekommen. Und seine Fragen würden beantwortet werden.

 

Mara Glüher / Start: November 2025