Ich bin geboren aus dem Unrat einer Stadt. Angeschwemmt an die Ufer eines sterbenden Jahrtausends, in die letzten Jahre eines kalten Krieges, der über allem schwebte, aber niemanden auf der Straße zu stören schien. In ein Land, dass nie seinen Kriegzustand aufgegeben hat und das mir das ewige Verlieren und Bereuen in meine Wiege legte. Die dreizehnte Fee auf Dornröschens Geburt. Und sie hatte auch schon die Rosen gepflanzt, an deren Dornen ich mich zerstechen sollte. Sie mussten wachsen, so wie ich wachsen musste.
Bis heute kriechen mir die Städte in meine Glieder. Meine Haut wird zu Beton...mein Blut ist die immer fließende Kloake des Untergrunds, aus dem ich jeden Morgen krieche. Meine Haare haben den künstlichen Farbton der Straßenlaternen, dort wo sie es gut meinen und alles nachts in ein orangegelbes Schlummerlicht legen, damit der Primat die Einsamkeit nicht so drückend spürt. Damit alles ein wenig heimlicher wirkt...hier auf diesem Rummelplatz der Verlorenen. Meine Eingeweide sind die belebten Plätze, dort wo sich die Bahnen treffen, die durch die Gedärme der Stadt ziehen. Meistens spülen sie Scheiße in die Straßen. Niemals ruhig, immer am Rumoren. Voller Tumore.
Die leeren kalten Straßen in der Dämmerung eines Wintermorgens sind meine Augen.
Mit der bestechenden Klarheit einer Schizophrenie blicken sie in die leeren Gesichter, die in der Stadt nur noch vorüber ziehende Fratzen sind.
Meine Nervenbahnen durchziehen die Stadt gleich einem Myzel. Heil dir Pilz. Ich spüre das dauernde Vibrieren, das Pochen und Krampfen. Wie alle anderen macht es auch mich verrückt. Die Ruhelosigkeit raubt mir mein Leben. Uhren sind mein Herzschlag.
Mein Tag ist eingeteilt in kleine Raster. Fremdbestimmte kleine Kuben voller Zerrspiegel. Ich kann von einem in den anderen kriechen. Immer auf der Suche nach mir selbst.
Mein Selbst ist das Programm im Circus. Zuckerbrot und Peitsche. Die Löwen zerfleischen die Verlierer, jeden Abend im flachen Rahmen. Ich soll jede Illusion sein können, die ich möchte. Und ich habe nicht mehr zu wollen, als mir geboten wird. Ich kann in Rubriken und Registern mein Selbst ergründen. Immer ein Verlierer, immer ein Bereuender und bestenfalls ein Büßer...
... geboren in einem Krieg, der niemals enden wird...
Ich bin nicht anders als ihr.
Ein Primat aus Eurer Mitte.
Mara M. Glüher | +49 (0) 9183 - 283 987 2 | [email protected] | © all rights reserved