FRIEDL

Die zu dieser Jahreszeit früh einsetzende Dunkelheit und die Vorboten eines schnell näher kommenden Unwetters hatten dafür gesorgt, dass der Hafen heute Abend fast verlassen dalag. Die meisten Geschäfte und Lagerhäuser, die sich an die schmale Hafenstraße des kleinen Hafens schmiegten, hatten schon geschlossenen und in der Erwartung einer rauen Nacht die Sturmsicherungen angebracht.

 

Neben ein paar Seeleuten, deren Bärte von glitzernden Eiskristallen durchzogen waren und Frauen, die ihre Mäntel verkrampft bis unter die Nase geschlossen hielten, waren heute kaum noch Passanten auf der breiten Hafenmauer unterwegs. Die meisten von ihnen gingen eiligen Schrittes auf die kleinen Kneipen und Spelunken zu, um schnell den Nebel und Regen hinter sich zu lassen.

Das letzte Schiff hatte vor Sonnenuntergang angelegt und der größte Teil der Ladung war bereits abtransportiert worden. An der Hafenmauer stehen nur noch ein paar kleinere Holzkisten, die ein schlanker Junge von etwa zwölf Jahren keuchend auf einen Holzkarren hebt.

Die Kisten sind vom Regen nass und schwer. Friedls Hände, die er seit einer Stunde kaum mehr spürt, rutschen immer wieder von den Rändern ab und so muss er sein Knie zu Hilfe nehmen, um die Last auf seinen kleinen Holzkarren zu bekommen.
Daher hat er nun auch noch ein nasses Hosenbein, das ebenso wie die Jacke und Hemd durchnässt an seiner kalten Haut klebt.

Der alte Lastkahn ächzt unter den aufkommenden Böen und schiebt sich langsam und unaufhörlich in Richtung der Kaimauer. Die Kluft zwischen Schiff und Kai wird schmaler und dunkler. Friedl betrachtet das schwarze Wasser zwischen dem Kahn und der Mauer. Dort unten liegt der Kiel des Schiffes, denkt er schaudernd. Der tiefste Punkt des Schiffes. Der am meisten von den Untiefen des Meeres sieht...

 

Friedl schaudert. Der alte Peter hatte ihm am Feuer von Klaas Rieckenhuus erzählt. Dem letzten Matrosen aus ihrer Gegend, der „kielgeholt“ wurde.
Rieckenhuus hatte sich auf dem Handelschiff 'Klara von Strebe“ eingeschifft und war betrunken mit dem Bootsmann aneinandergeraten und hatte diesen schwer verletzt. Es ging wohl um eine Frau, soviel hatte Friedl mitbekommen.
Als Strafe hatten sie Rieckenhuus gefesselt, ein Seil unter dem Schiff durchgezogen, das eine Ende an seine Füße geknotet und ihn über Bord geworfen. Ob sie schlicht zu langsam am anderen Ende gezogen haben oder Rieckenhuus vor lauter Schreien das Einatmen vergessen hatte, konnte später keiner mehr sagen. Auf jeden Fall haben sie nur noch eine durchnässte Leiche mit offenstehendem Mund und Augen und tiefen Schnittwunden von den Seepocken an der anderen Seite des Schiffes herausgezogen.
Seit diesem Tag ging unter der Mannschaft das Gerücht um, dass man immer wieder Klopfen und Kratzen aus dem Rumpf des Schiffes hörte und es waren sich alle einig, dass dies nur der Geist von Rieckenhuus sein konnte.
Es lag vielleicht am ständigen Kratzen des toten Rieckenhuus oder einfach am Alter der Klara von Strebe, dass eben dieser Kiel ein Jahr später, während eines gewaltigen Südsee-Hurrikans brach und das Schiff mit Mann und Maus in den Tiefen des Ozeans verschwand.

 

Und so wurde Rieckenhuus zu einer der Legenden über die vielen Männer ihrer Stadt, die auf dem Meer geblieben sind. Friedls Vater war auch eine dieser Legenden. Ein erfahrener Kapitän der mit Boot und Besatzung spurlos auf dem Ozean verschwand.
So spurlos und unerklärlich, dass sich noch keiner wirklich zu sagen traute, ob die Mannschaft und das Schiff wohl für immer verloren sein oder eines Tages wieder auftauchen könne.

Und auch die Kolonialhandelsgesellschaft sah es wohl so, denn sie weigerten sich beharrlich, den Witwen und Waisen der Mannschaft eine Rente auszuzahlen.
Zwei Jahre waren seit dem rätselhaften Verschwinden des Schoners vergangen und noch immer kämpften die Angehörigen um ihre Versorgungszahlungen. Allen voran Friedls Mutter, die sich als Frau des Kapitäns für die Frauen der Mannschaft verantwortlich fühlte.

Friedl zieht seine Mütze tiefer in die Stirn und starrt weiter auf das schmale Band schwarzen Wassers, das zwischen der Schiffswand und der Kaimauer hin und her schwabt. Es hört sich fast an, als würden die Wellen dem knarrenden Kahn Beifall klatschen.

Ob sich der Geist eines Ertrunkenen wirklich an einem Schiffsrumpf festhalten kann? Hängt er dann dort unten in der kalten Dunkelheit, vom Wasser umspült und wartet auf eine Gelegenheit? Eine Gelegenheit für was?
Eine feine, schneidende Angst breitet sich langsam in Friedls Denken aus und er wendet den Blick hastig vom Schiff ab.

Noch zwei Kisten muss er auf seinen Karren laden, dann kann er sich endlich auf den Weg zum Lager machen, wo der mürrische Krämer ihn sicher schon ungeduldig erwartet. Friedl graut schon davor mit dem düsteren Krämer gemeinsam im alten Holzlagerhaus die angekommenen Waren zu verräumen.
Thomas Küppler war der größte Kaufmann der Stadt. Er hatte aus dem kleinen Krämerladen der Familie Küppler ein anständigen Kolonialwarenhandel aufgebaut und vertrieb die vielen unterschiedlichen Kolonialwaren, die schwere Schiffe aus Übersee in den Hafen brachten.
Seit Friedls Vater verschollen war, musste der Junge jeden Abend, wenn ein Schiff mit Waren für den Krämer eingetroffen war, die schweren Kisten vom Hafen zum Lagerhaus des Kaufmannes bringen.

Es war eine schwere und mühselige Arbeit und das unfreundliche, herrische Wesen Küpplers machte es dem Jungen nicht leichter. Die zehn Silbergroschen die Küppler Friedl dafür zahlte waren jedoch ein wichtiger Beitrag zum schmalen Einkommen der Familie.
Auch Friedls Mutter arbeitete jeden Vormittag im kleinen Laden des Kaufmannes. Und Friedl war sich sicher, dass er nur beim Krämer in Anstellung war, weil dieser seiner Mutter schöne Augen machte.
Jeder in der Stadt kannte die Geschichte seiner Mutter, der schönen Katharina Seelmann, die der Grund für die tiefe Feindschaft zwischen dem Kaufmann und seinem Vater war.
Nun, da der Vater nicht zurückkgekehrt war, sah Küppler wohl seine Chance gekommen und warb offen um die Gunst von Katharina.

Diese nahm es still hin. Stets in der Hoffnung, dass die See ihren Mann doch wieder freigeben würde und ihre Arbeit bei dem Krämer ein Ende findet.
Sie war Thomas dankbar für seine sofortige Unterstützung, auch wenn sie und Friedl hart dafür arbeiten mussten. Und gerade Friedl war es, der die Härte und Abneigung, die der Kaufmann für ihn empfand, täglich zu spüren bekam.

 

Seufzend beugt sich der Junge nach der Zugstange des Wagens, als seine Augen eine Bewegung im dunklen Wasser des Hafens wahrnehmen. Friedl erstarrt unf blickt angestrengt in die Dunkelheit der Kluft.
Dort, knapp unterhalb der Wasseroberfläche, scheint ein trübes, weißes Licht am Rumpf des Schiffes entlangzugleiten. Langsam und zielsicher verfolgt es seinen Weg durch das dunkle Wasser und schwebt wie ein Seidentuch an den alten, dunklen Planken des Schiffes entlang auf ihn zu.

 

Das erste Donnergrollen des Sturmes reißt den Jungen aus seiner Erstarrung. Er schaut zum Himmel hinauf, wo der Mond gerade wieder von sich hoch auftürmenden Wolken verschluckt wird. Vielleicht war es nur das Mondlicht. Nur das Mondlicht das mir einen Streich gespielt hat.
Das pulsierende Blut hämmert in Friedls Kopf. Er saugt angestrengt Luft ein. Nur das fahle Mondlicht. Dort unten ist nichts...

 

 

Ohne es wirklich zu wollen, schaut Friedl wieder in die Dunkelheit zwischen dem Schiff und der Mauer.
Nein, dort unten bewegt sich wirklich etwas. Das fahle Licht befindet sich nun genau ihm gegenüber an der Seite des Schiffes. Immer noch unter der Oberfläche des unruhigen Wassers, aber doch hell genug, dass Friedl es deutlich sehen kann.
Das, was dort im Wasser wartet, ist nicht vom Mondlicht beschienen. Sein kühles, bläuliches Leuchten scheint aus ihm selbst zu kommen.

Der Junge spürt das Grauen kalt über seinen Rücken fließen. Begleitet von dem nun einsetzenden Regen, der in dicken Tropfen aus den aufgerissenen Bäuchen der Sturmwolken fällt.

Er tut einen schnellen Schritt zurück und stürzt über die Deichsel seines Karrens auf die nassen Pflastersteine.
Friedl kann nun die Gestalt im Wasser nicht mehr sehen. Die Furcht, die er empfindet, scheint seine Sinne jedoch auf das äußerste geschärft zu haben und so kann er es hören...

Ein schlurfendes, tropfendes Geräusch, wie wenn ein altes, dickes Schiffstau aus dem Wasser gezogen wird.
Nein, es ist sicher nur das sturmgepeitschte Wasser, dass an die Mauer und den Schiffsrumpf klatscht...
Die nächste Böe trifft mit einem eisigen Schauer Gischt das Gesicht des Jungen, der sich nun schwer atmend aufrappelt und auf seine nassen Knie stützt. Seine Mütze wird ihm vom Kopf gefegt, tanzt ein kleines Stück im Wind und klatscht dann, von noch mehr Regen gesättigt, auf den Boden.

Gerade als sich Friedl vom Boden hoch stemmen will, sieht er dicht vor sich, direkt über den dunkelgrauen Rand der Hafenmauer, bleiche Finger greifen... Vorsichtig tastend und fast so, als würden sie sich dabei umschauen, fahren die dünnen, weißen Hände über den steinernen Rand.
Als sie die schmale Rinne erreichen, wo die großen Steine der Hafenmauer in das kleinere Pflaster der Straße übergehen, beginnen die Finger länger und irgendwie stärker zu werden, bevor sie sich mit unerbittlicher Kraft, wie große fahl weiße Klauen in dem schmalen Spalt festkrallen. Dann stemmen sie sich langsam immer weiter nach oben und ziehen, mit einem schmatzend triefendem Geräusch, das, aus der Tiefe des Hafenwassers, was in Richtung des Jungen strebt.

Rieckenhuus... die Ertrunkenen, die verlorenen Seelen auf der Suche nach Erlösung... Meereswesen, Tote.... Friedl stößt einen lauten, verzweifelten Schrei aus, den der Wind einfach mit sich fortreißt. Der Junge beginnt zu zittern und kann sich doch nicht von der Stelle bewegen.
Seine weit aufgerissenen Augen sehen entsetzt, wie sich die weiße Gestalt weiter und weiter auf die Kaimauer hochzieht.
Arme, ein Kopf und ein Rumpf erscheinen. Vertraut und doch vollkommen ungreifbar. Wie eine Rauchschwade, die kurz Gestalt annimmt und gerade, wenn man die Figur erkannt glaubt, eine andere Form zeigt.


Dort, wo bei einer realen Person das Gesicht sein sollte, morphte der Nebel besonders stark. Der verängstigte Junge, sieht bewegungslos zu, wie sich zwei tiefliegende, dunkle Augenhöhlen in den Schwaden formen. Bald schauen ihn leere, tote Augen an, dann wieder scheint es, als wären es Augen voller Leid und Qual. Augen, die Wellen von unten gesehen hatten, während sie in der schwarzen Tiefe des Meeres versanken... Letzte hoffnungslose Blicke, die einen tödlich glatten Horizont nach einem Halt abgesucht haben...

Der nun immer peitschender Regen scheint durch die Gestalt hindurchzuwehen. Unbeeinflusst von dem Toben des Sturmes, der inzwischen laut dröhnend auf die Häuser des Hafens trifft, zieht sich die Gestalt weiter aus dem Hafenbecken. Der große Kahn knarrt lauter und schiebt sich fast schutzsuchend und unaufhörlich weiter in Richtung Kai. Drohend ragt nun der schwarze Schatten des Schiffs hinter dem grauenhaften Nebel auf, der nun, fast gänzlich aus dem Wasser heraus, sich leicht in die Richtung des knieenden Jungen beugt.

Friedl, immer noch am Boden knieend, hebt den Kopf. Die nun wieder leeren Augenhöhlen sind direkt auf ihn gerichtet. Langsam hebt sich einer der rauchigen, weißen Arme und deutet auf den Jungen. Und wie ein Blitz, der in der Nacht für einen kurzen Moment das Zimmer erhellt, erscheint es Friedl, als würde das Gesicht seines Vaters auf der fahlen Leinwand des Geistergesichts erscheinen. Sein Vater. Mit weit aufgerissenen Augen und zum Schrei geöffneten Mund...

 

Dies reißt Friedl aus seiner Lähmung. Voller Entsetzten springt er auf und schafft es auf seinen unsicheren Beinen halt zu finden.
Vergessen sind die Holzkisten und der Karren. Kein Gedanke an den Krämer und die unweigerliche Tracht Prügel, die ihn wohl erwarten.
Friedl stürzt herum und stürmt auf den schmalen Gang zwischen den beiden Häusern zu seiner rechten zu. Dort beginnt die schmale Gasse, die zum Lagerhaus von Küppler führt. Zum Licht. Weg von dem Hafen und dieser Gestalt. Was auch immer sie sein mag. Mondlicht...Einbildung....oder Geist eines Ertrunkenen....

Keuchend erreicht der Junge den Eingang zur Gasse und rennt ohne zu Zögern weiter in die Dunkelheit hinein. Das Licht der Hafenlaternen endet hier und nur die Vertrautheit des Weges, den Friedl nun seit einem Jahr immer wieder gehen musste, bewahrt ihn davor, zu stolpern.

Nicht umdrehen. Schneller. Viel schneller als er jemals zuvor gelaufen ist. Und einfach nicht umdrehen.
Friedl weiß, dass die Gestalt ihm noch folgt. Weiß es mit jeder Faser seines Körpers. So wie ein Tier spürt, dass es verfolgt wird, ohne, dass es den Verfolger sehen muss.
Während er die Gasse entlang hastet, hört Friedl hinter sich ein blubberndes, schmatzendes Geräusch, dass beständig näher kommt.
Das Gluckern und Rauschen folgt einem wiederkehrenden Rhythmus. Schwillt leise an und wieder ab. Rauscht wie Wellen an einem Strand, um dann wieder zischend und dringlicher zu werden.

 

Nur noch ein kurzes Stück. Schon sieht Friedl die Laternen des Lagerhauses vor sich aus der Schwärze der Gasse zu erscheinen. Nicht mehr weit.
Kaum eines Gedanken fähig stürmt der Junge weiter. Und doch fühlt er inmitten seines Entsetzens Hoffnung aufkeimen. Das warme Gefühl von Sicherheit beginnt sich leise auszubreiten, als er mit Grauen sieht, wie sich vor ihm, kurz bevor die Gasse endet, ein dünner, weißer Nebel bildet.

Friedls stoppt in vollem Lauf, stolpert und kommt atemringend an der Mauer der Gasse zum Stehen. Der Nebel verdichtet sich schnell und geräuschlos. Wieder formt sich ein Körper und der fahle Arm hebt sich in Richtung des Jungen.

Aus dunklen, leblosen Augenhöhlen scheint ihn die Gestalt anzuschauen. Das Gluckern und Schmatzen wird lauter und scheint wiederholt sich beständig in gleichbleibendem Rhythmus.

„...Gllllluuuuschschsch....Schhhhschhh....gluuuuussssccccchhh... Ssssscccchhhhh.... Nsccchhhhh....“

Friedl, noch immer an die Steinmauer gelehnt, beginnt vor Angst und Erschöpfung zu weinen. Der Weg in die Sicherheit des Lagerhauses ist versperrt. Zurück zum Hafen bringt ihm auch keine Rettung. Wenn er die nächste Kneipe erreichen würde, ja dann.... Aber vorher müsste er die ganze dunkle Gasse wieder durchqueren... Keine Rettung.
Der Junge sinkt an der Mauer nach unten, die Augen weiterhin auf die geisterhafte Erscheinung gerichtet, die nun langsam auf ihn zu schwebt.

Gerade als Friedl den Kopf in seinen Armen vergraben will, zerreißt ein Blitz die Schwärze der Nacht. Im gleißenden Licht ist das Wesen nun genau vor Friedls Gesicht.
Es starrt ihn direkt an und das Rauschen und Blubbern formt sich mit dem Donnerschlag, der dem Blitz nun folgt zu einem lauten Kreischen „LAUF! TOT...FRIEDL...WEG! Und wieder war Friedl, als hätte er kurz das Gesicht seines Vaters gesehen... Die weit aufgerissenen Augen und den zu einem Schrei verzerrten Mund.

Mit dem Verlöschen des Blitzes und dem Verklingen des Donners ist alles verschwunden. Der Sturm peitscht weiterhin über ihn, aber von der geisterhaften Erscheinung ist nichts mehr zu sehen.
Friedl springt auf und rennt auf das Ende der Gasse zu. Der Schein der Laternen kommt näher und das rötliche Licht beleuchtet den Eingang vom Lagerhaus von Küppler.

Friedl nimmt zwei Stufen auf einmal, als er die Holztreppe zur Rampe des Lagers hochstürmt.
Küppler, durch das Poltern auf der Treppe aufmerksam geworden, tritt, als großer, dunkler Schatten in das Licht der Tür, gerade als Friedl dort ankommt.

„Was soll dieses Gepolter?“ Er schaut von oben auf den durchnässten, keuchenden Jungen. Wie er ihn verabscheut. Jetzt, in diesem Moment, wo dieses schäbige Kleiderbündel mit aufgerissenen Augen zu ihm aufschaut, noch mehr als gewöhnlich. Sieht er doch im flackernden Licht der Laternen immer wieder das verhasste Gesicht des Kapitäns über das des Jungen huschen.

„Wo ist die Ware, du Taugenichts?“ Küppler versetzt dem Jungen einen Tritt und stößt ihn dadurch ein Stück von der Tür weg auf die Laderampe.
„I... I...Ich...im Hafen...“ Friedl schafft es nicht die Worte zu formen. Seine Lungen brennen und die Angst schnürt ihm immer noch fest die Kehle zu.
Der Krämer schaut ihn mit kaltem Blick an. Taxierend.
Für einen kurzen Moment scheint die Zeit wie eingefroren.
Der Junge, kauernd auf der hölzernen Rampe und über ihm, dunkel drohend und vom Licht im Inneren des Lagerhauses beleuchtet, der Kaufmann.

Küppler beugt sich nach vorne und packt den Jungen am nassen Kragen seiner Jacke. Ohne Gegenwehr lässt sich der erschöpfte Friedl durch die Tür in das hell erleuchtete Lagerhaus ziehen.
Küppler zieht ihn noch grob ein Stück, bevor er ihn mit mehr Schwung, als dies wirklich benötigt hätte, an die Holzwand schleudert.
„Erkläre mir, wo meine Ware ist.“ Küppler hat sich von ihm abgewendet und stütz sich mit beiden Armen auf den Tisch, auf dem seine aufgeschlagenen Bücher liegen.
„Willst Du nichtsnutziger Trottel mir sagen, dass sie noch immer unten im Hafen stehen? Im Regen? Im Sturm?“
Der Kaufmann nimmt einen Brief in die Hand und betrachtet ihn kurz, bevor der ihn zerknüllt.
Mit dem in der geballten Faust zerknittertem Brief, beginnt er den Tisch zu klopfen, so als wolle er jedem Wort durch einen Schlag Bedeutung verleihen.
Friedl, der noch immer nach Atem rang, glitt von einer Angst in die nächste. Er kannte die Wut des Kaufmanns.
Küppler schoss plötzlich herum und fixierte den Jungen.
„Und? WASSSSSS?“ Der Kaufmann schrie. Dicke Adern bildeten sich auf seiner Stirn und an seinem Hals. Seinen Unterkiefer auffordernd nach vorne streckend und mit aus den Höhlen tretenden Augen kam er auf den Jungen zu.
„Bist Du maulfaul geworden, Du Bastard?“ Jeden Schritt langsam und behutsam setzend und somit im völligen Widerspruch zur verzerrten Fratze, dass sein Gesicht inzwischen war, kam Küppler weiter auf den Jungen zu.

Friedl, gerade noch voller Angst im Sturm und mit einem Geist konfrontiert, saß, wieder voller Angst und einer düsteren Vorahnung drohender Prügel, eng an die Wand geschmiegt. Und obwohl er inzwischen so weit zu Atem gekommen war, dass er wieder hätte sprechen können, war ihm klar, dass sein Gegenüber keinerlei Antwort erwartete.

„Weißt Du...“ Küppler verlangsamte seinen Schritt und sein Gesicht nahm einen fast verklärten Ausdruck an, „Du bist zu nicht zu gebrauchen. Das ist mir schon immer bewusst gewesen. Und jetzt das.“ Seine Stimme war nun ruhig und auch Gesicht war entspannt. Es glich nun dem glatten Steingesicht einer Statue. Nur seine Augen schienen lebendig, wenn auch ein wenig starr.
„Ich brauche Dich nicht. Tatsächlich wäre ich besser dran, wenn es dich nicht gäbe. Und auch Katharina wäre ohne dich besser dran. Ach, was sage ich... Es ginge ihr richtig gut. Sie könnte endlich neu anfangen und ihr Fehler wäre einfach korrigiert.“
Der Kaufmann war nun stehen geblieben und sah den Jungen mit einem leisen Lächeln an. „Einfach diesen dummen Fehler korrigieren.“

 

Im Hafen....Ich hole die Ware... gleich... Da war... Etwas im Wasser, ein Geist...oder Mondlicht. Ich bin erschrocken... und gerannt.... Ich gehe gleich und hole alles.“
„Sicher.“ Der Kaufmann sah Friedl urverwandt an. „Ein Geist.“ Es schien fast, als hätte der Kaufmann, tief in Gedanken versunken, etwas gesehen, dass sein ganzes Gesicht mit einem Strahlen erfüllte. Ein kurzer Ruck, fast wie ein elektrischer Schlag, fuhr sichtbar durch seinen Körper. Er schüttelte leicht den Kopf, wie sich von einer Benommenheit zu erholen.
„Sicher. Du wirst in den Hafen zurückgehen. Ein Geist im Wasser. So so...“

Der Kaufmann strich sich über den Arm und wand dem Jungen wieder den Rücken zu.
„Ich werde dich begleiten, damit diesmal nichts schief geht.“ Ohne den Jungen weiter zu beachten, ging er zu dem Schrank, in dem er seine Jacken und sein Ölzeug aufbewahrte. „Zu Deinem Glück habe ich selbst noch eine Fracht, die heute noch dringend an den Hafen muss. Also steh endlich auf! Oder soll ich Dich selbst hinaus prügeln?“

Friedl rappelte sich schnell auf und ordnete seine nasse Kleidung. Seine Mütze hatte er am Hafen verloren, aber sie hätte ihn auch so nicht mehr wirklich vorm Regen geschützt und er konnte sie ja suchen, wenn sie im Hafen waren.
„Geh runter an die Rampe“ raunte ihm Küppler zu, der damit beschäftigt war, seine Regenjacke anzuziehen „Ich werde die Kiste holen und dann werden wir sie gemeinsam verladen. Raus mit Dir!“

Der Junge gehorcht sofort. Während er die schützende Helligkeit des Lagerhauses verlässt, denkt er über sein Glück nach, das Küppler heute doch recht sanft mit ihm umgesprungen ist. Trotz seines Fehlers und des unsinnigen Geredes über einen Geist...als sei er ein kleines Wickelkind...hatte er heute keine Schläge abbekommen.

Die Erscheinung war furchteinflößend und unerklärlich gewesen, ja, aber nun, nachdem er hier im Trockenen und bei Licht zu sich gekommen war, erschien ihm alles nicht mehr ganz so schlimm, wie noch am Hafen oder in der dunklen Gasse. Friedl nimmt sich vor, sobald er bei seiner Mutter Zuhause ist, über all das, was heute am Hafen geschehen war, gründlich nachzudenken.

Vielleicht war es doch einfach nur das Mondlicht gewesen. Das Heulen und Toben des Sturmes. Und seine Gedanken an die Verschollenen und Ertrunkenen und an seinen Vater, den er so schrecklich vermisste.
Friedl tritt in die in Dunkelheit hinaus und steigt vorsichtig die Stufen der regennassen Rampe hinunter. Inzwischen ist der Sturm sehr stark geworden und der Regen strömt in dicken Bändern vom Himmel.
So nah es geht an die Laderampe gepresst, um wenigstens ein bisschen Schutz vor dem Regen zu finden, beobachtet Friedl, wie der Kaufmann die schweren Türen des Lagerhauses aufschiebt und eine große, schwere Holzkiste auf die Laderampe schiebt.
Der Kaufmann ächzt laut unter dem Gewicht, dass er Stück um Stück an den Rand der Plattform befördert.
„Wo bist Du Dummkopf?“ ruft er über das Prasseln und, als seine Augen Friedl sehen „Steh nicht nutzlos rum! Stell Dich da hin!“ Der Kaufmann deutet auf den Bereich unterhalb der Laderampe, auf dem die Kiste nun zum Stehen gekommen ist.
Friedl tritt in den Regen und stellt sich an den angewiesenen Platz. Wieder sieht er aus den Augenwinkeln eine Bewegung in der Dunkelheit und als er seinen Kopf ein Stück weiter dreht, um zu sehen, was dort im Regen lauert, hört er ein lautes Knarren.
Im nächsten Moment wird der Junge von der schweren Kiste getroffen, die der Kaufmann mit aller Kraft über den Rand der Rampe gestoßen hat.

Friedl wird unter der Kiste begraben, die ihm beim Aufprall fünf Rippen und seine Lunge in der Brust zerquetscht und seine Hüfte zerschmettert.
Und wieder nach Luft ringend, nur diesmal und für alle Zeiten sinnlos, ist das letzte, das Friedls Augen sehen, den Kaufmann Thomas Küppler, der mit leuchtenden Augen und einem verzückten Grinsen, von dem Rand der hölzernen Laderampe auf die Kiste springt.

Es ist wirklich ein großes Unglück.“ nickt die alte Berta Streve und packt ihre Einkäufe sorgsam in ihren Korb. „Das die arme Katharina aber auch so vom Schicksal bestraft wird.“
„Ach...“ schnaubt Gudrun Seiler , die Frau des Gemüsebauern, leise. „Das Weib hat es doch nicht anders verdient!“
„Aber, aber. Versündigen sie sich nicht.“ Helga Möller, die Ehefrau des Stadtarztes schaut die Seilerin tadelnd an. „Was hat denn die arme Frau getan, dass sie derart Schlimmes verdient hat?“
„Waaassss...“ Gudrun Seiler schaut Frau Möller herausfordernd an „Ja, was? Kaum sind Mann und Kind tot, schon schnappt sie sich den Kaufmann. Die gute Partie, die sie früher ja verschmäht hat! Und der Depp nimmt das Weib auch noch zur Frau! Wenn das seine Mutter wüsste. Gott-hab-sie-selig! Da bin es nicht ich, die sich versündigt!“

Da spricht doch nur die Boshaftigkeit, Du Schlange!“ Berta Streve wirft der Seilerin einen abschätzenden Blick zu. „Der Kapitän ist jetzt seit zwei Jahren verschollen. Keine Nachricht von keinem einzigen der ganzen Mannschaft! Nichts. Die sind alle ertrunken!“ Frau Möller wirft der alten Berta einen beschwichtigenden Blick zu. Auch wenn es wohl war ist, spricht keiner laut darüber, schon alleine aus Rücksicht auf die vielen Witwen, die immer noch hoffen.

„Und dann ertrinkt auch noch das einzige Kind im Hafenbecken. Völlig zerquetscht zwischen dem alten Kahn und der Mauer! Was für ein Unglück! Sicher wars der Sturm... Ganz sicher! Darum ist der arme Kerl ins Wasser gefallen.Das ist ja damals auch dem Jansen passiert! Wisst ihr noch?“
„Der war wie immer sturzbesoffen, als er im Hafen ersoffen ist! Und da hat nicht mal ein laues Lüftchen geblasen!“ Gudrun Seiler hat die Arme nun abwehrend vor dem Körper verschränkt.

 

Aber die Katharina hat doch profitiert! Hat ohne Balk nun den reichen Kaufmann eingewickelt und dann auch noch das Erbe der Familie Ihres Verschollenen bekommen! Das, was sie eigentlich nie hätte kriegen sollen. Sondern der Junge...“
„Immer wieder diese alten Geschichten!“ Die Frau des Arztes wendet sich ab und geht langsam weiter zum Stand der Bäckerin.
„Man munkelt aber, dem Kaufmann hätte das Erbe das Geschäft gerettet...“ Vielsagend strich Frau Seiler wie beiläufig Erde von den Kartoffeln vor sich. „Hätte sonst wohl den Laden dicht machen müssen. Ein riskantes Geschäft mit der Überfahrt aus Übersee...“
„Ja, das munkelt man. Und vielleicht stimmts ja auch. Küppler sind in diesem Jahr viele Schiffe verloren gegangen.“ Berta Streve wandte sich zum gehen. Dann dreht sie sich noch einmal nachdenklich um und schaut Gudrun Seiler direkt an. „Man kann fast sagen, dass die gute Seele des Jungen dem Kaufmann noch ein Geschenk gemacht hat. So mit dem Erbe. Der Arme hatte selbst ja nichts mehr davon erfahren.“
„Stimmt. Das war wohl Schicksal, dass der Brief mit der Benachrichtigung gerade an dem Tag angekommen ist, an dem der arme Junge ersoffen ist. Hat der Küppler nicht gerade an diesem Abend der Katharina den Brief mitgeben wollen?“
„Ja, genau so war es wohl. Jetzt machs gut, Gudrun. Ich muss weiter.“ Damit drehte sich Berta Streve endgültig um und ging langsam weiter um ihre Einkäufe noch vor der Dunkelheit nach Hause zu bringen.

Mara Glüher / November 2025